Titus Dittmann las am 19. September 2026, im Rahmen der Wortspielerei Detmold 2026, aus seinem neuen Buch über Skateboarding, Lernen und die Kunst, seinen eigenen Weg zu finden
Dittmann, T., & THiLO. (2026). Sportstars erzählen (Leseanfänger, Bd. 3): Mein Skateboard und ich. Coppenrath.

Titus Dittmann erzählt diesen Satz mit dem Humor eines Menschen, der schon lange seinen Frieden damit gemacht hat, dass Stillsitzen und Anpassung nie zu seinen besonderen Talenten gehörten. Den Namen des Medikaments lassen wir an dieser Stelle bewusst weg. Wichtiger ist ohnehin, worum es Dittmann damit geht: um Kinder und Jugendliche mit ADHS, um überschüssige Energie und um die Frage, ob man diese Energie immer bremsen muss oder ihr nicht manchmal einfach eine Richtung geben kann.
Bei der Lesung in der Aula der Detmolder Geschwister Scholl Gesamtschule erzählte der Skateboard-Pionier aus seinem Leben. Wer dabei eine geradlinige Unternehmerbiografie erwartet hatte, bekam stattdessen Geschichten von Tannenzapfen-Kriegen, halsbrecherischen Experimenten auf Rollern, einem 12,5-Meter-Sprungturm und schließlich einem Brett mit vier Rollen. Gleich im Anschluss wartete dann auch noch ein Schnupperkurs für Anfänger:innen von LIPslide im Life Park gleich gegenüber. Und erstaunlicherweise hängt das alles miteinander zusammen.
Geboren wurde Dittmann als Eberhard. Sein Bruder nannte ihn jedoch Titus und der Name blieb. So sehr, dass Dittmann ihn zum Abschluss seines Studiums schließlich auch beim Standesamt eintragen ließ.
Schon als Kind scheint er vor allem eines besessen zu haben: Energie. Viel Energie. Da gab es „Überlebenstipps in den Tannenzapfen-Kriegen“, Ballonroller-Surfen mit einer Lederhose als Bremse und die Herausforderung, freihändig Roller zu fahren. Bei der Lesung demonstrierte Dittmann Letzteres kurzerhand gemeinsam mit einem Jungen aus dem Publikum.
Eine andere Geschichte führt auf den 12,5-Meter-Sprungturm. „Spring, Titus, spring!“, riefen die anderen, während unten der Bademeister mit der Trillerpfeife stand. Es sind lustige Kindheitsgeschichten. Aber zwischen ihnen steckt bereits etwas, das sich durch Dittmanns gesamtes Leben zieht:
"Wat kann man? Wat kann man nich? Selber entscheiden, was man macht."

In der Schule passte diese Haltung nicht immer besonders gut ins System. Einer seiner Lehrer prophezeite ihm, aus dem Titus werde nichts. Auch Dittmann selbst erzählt nicht die Geschichte eines klassischen Musterschülers. Vokabeln zu lernen war beispielsweise überhaupt nicht sein Ding. Mathematik dagegen, sagt er, sei ihm regelrecht zugeflogen. Und dann ist da diese herrlich widersprüchliche Episode: Mit drei Einsen schaffte er sein Abitur trotzdem zunächst nicht.
Entscheidend ist für ihn rückblickend deshalb weniger die Frage, ob jemand „gut in der Schule“ ist. Spannender ist eine andere: Wie viel Spaß macht einem das Lernen selbst? Denn sobald ihn etwas wirklich interessierte, konnte Dittmann offenbar ziemlich hervorragend lernen.
Diese Unterscheidung ist gerade beim Thema ADHS interessant. Dittmann spricht offen über seine eigenen Erfahrungen und darüber, welche Bedeutung Bewegung und insbesondere Skateboarding für ihn haben. Dabei geht es nicht darum, ADHS zu romantisieren oder medizinische Behandlung gegen Sport auszuspielen. ADHS kann für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden sein, und die richtige Unterstützung ist individuell.
Dittmanns Biografie zeigt aber eine andere Seite: Energie muss nicht ausschließlich als Defizit betrachtet werden. Bewegung, Begeisterung und selbstgewählte Herausforderungen können Räume schaffen, in denen aus Unruhe Konzentration und aus einem starken Bewegungsdrang Beharrlichkeit werden.
Vielleicht muss Energie manchmal nicht gebremst werden. Vielleicht braucht sie eine Richtung.


Dass ausgerechnet Skateboarding diese Richtung werden sollte, war keineswegs selbstverständlich.
Dittmann erinnert sich an einen Fernsehbericht über Kinder in Amerika, die auf Rollbrettern unterwegs waren. Eigentlich sollte der Beitrag wohl vor den gefährlichen neuen Dingern warnen. Bei ihm bewirkte er offenbar eher das Gegenteil. Menschen und Warnhinweise, eine historisch nicht immer erfolgreiche Kombination.

Später, in seinem Studium, sah er am Aasee in Münster zum ersten Mal Skateboards in Aktion. Er lieh sich ein Brett aus. Und wollte verstehen. Wie funktionieren die Tricks? Wie bewegt sich das Brett? Wie bekommt man das hin?
Aus dem Ausprobieren wurde eine wissenschaftliche Beschäftigung. Dittmann schrieb seine Abschlussarbeit über Skateboarding. Und ausgerechnet das Rollbrett wurde damit zum Gegenbeweis für die Vorstellung, er könne oder wolle nicht lernen. Er wollte sehr wohl. Nur musste ihn eine Sache interessieren.

Wer einen neuen Trick lernen möchte, scheitert. Nicht einmal, sondern möglicherweise hundertmal. Das Brett rollt weg. Man landet daneben. Man steht wieder auf. Man verändert eine Kleinigkeit und probiert es erneut.
Dittmann bringt dieses Prinzip auf einen einfachen Satz: Fehler sind die besten Lehrer. Vielleicht erklärt das auch, warum Skateboarding weit über den Sport hinaus prägend sein kann. Scheitern ist hier kein Ausnahmezustand. Es gehört zum Lernprozess.
Man lernt nicht erst die Theorie des perfekten Tricks und führt ihn anschließend fehlerfrei aus. Man lernt, indem man ihn versucht. Immer wieder.

Irgendwann reichte Dittmann das Fahren allein nicht mehr. Denn die Bretter, die hierzulande erhältlich waren, überzeugten ihn nicht. Wenn es doch nur solche Skateboards gäbe wie in den USA. Also beschäftigte er sich auch damit. Er reiste an die amerikanische Westküste, sammelte Eindrücke und Wissen über eine Kultur, die in Deutschland noch kaum jemand verstand.

Wieder dasselbe Muster: Da ist etwas, das ihn fasziniert. Er will wissen, wie es funktioniert. Er probiert es aus. Und wenn etwas fehlt, versucht er, es selbst möglich zu machen. Aus dieser Haltung sollte schließlich eine der bekanntesten Geschichten der deutschen Skateboardkultur entstehen.
Bei aller Rastlosigkeit gibt es in Dittmanns Leben übrigens auch bemerkenswerte Beständigkeit. Seit 56 Jahren ist er mit seiner Frau Brigitta verheiratet. Vielleicht ist das auch der schönere Blick auf seine Geschichte. Nicht der vom schwierigen Schüler, der es wider Erwarten doch zu etwas gebracht hat. Und auch nicht die allzu einfache Erzählung vom ADHS als vermeintlicher „Superkraft“. Interessanter ist die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen ihre Fähigkeiten überhaupt entdecken können.

Ein Kind kann schlecht im Vokabellernen sein und sich gleichzeitig in Mathematik verlieren. Es kann im Unterricht kaum stillsitzen und stundenlang versuchen, einen Bewegungsablauf zu perfektionieren. Ein Lehrer kann darin ein Problem sehen. Derselbe Mensch kann darin Jahre später den Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Arbeit, ein Unternehmen oder eine ganze Jugendkultur finden.
Titus Dittmann hat darauf keine komplizierte pädagogische Theorie formuliert. Seine Geschichten laufen vielmehr immer wieder auf denselben Gedanken hinaus: Herausfinden, was man kann. Herausfinden, was man noch nicht kann. Selber entscheiden, was man daraus macht.
Und wenn man dabei hinfällt? Aufstehen. Noch mal versuchen.
Bild und Text: David Bärwald, kann Spuren von KI enthalten.